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Wie alles begann...

Die Geschichte, von der hier zu berichten ist, beginnt in der Gruppe, die sich aus Vertretern der Berliner DGPT-anerkannten und VAKJP-Institute zusammensetzt, um über das brennende Thema „Direktausbildung“ zu diskutieren und sich auszutauschen.

Wir in Berlin haben die Situation, dass sich auch die International Psychoanalytic University (IPU) als Partnerin vor Ort direkt an dem Diskurs beteiligen kann. Natürlich geht es um die Frage, wie das anspruchsvolle Junktim von Heilen und Forschen, wie der sensible und höchst persönliche Bereich von Ausbildung und Praxis mit den Erfordernissen moderner Wissenschaft in Einklang zu bringen sind, aber vor allem, wie nach außen verständlich zu machen ist, weshalb neben der Wissensvermittlung das Lernen aus Erfahrung in engmaschiger Supervision und persönlicher Analyse ein unverzichtbarer Bestandteil von Ausbildung und verantwortlicher Praxis ist und bleiben muss. Die Teilnahme an der „Langen Nacht der Wissenschaften“, eine bewährte jährliche Veranstaltung, bei der zahlreiche wissenschaftliche und technische Institute und Labore ihre Türen für das interessierte Publikum öffnen, war ein Einfall in dieser Gruppe: es wäre doch eine Gelegenheit, Besuchern Einblick in unsere „Werkstätten“ zu geben und darzustellen, wie in den Instituten Psychoanalyse betrieben, wie gearbeitet und gedacht wird, welche unterschiedlichen Settings dazu verwendet, welche historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen aufgegriffen werden und welche Forschungsfelder sich auftun.

Psychoanalytikerinnen, Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Gruppenanalytikerinnen aus den Instituten hatten sich also bereits - angesichts der für alle drängenden Frage der Direktausbildung – zu einer Gruppe zusammengefunden. Nun sollte es konkret werden: würden sich die Institute mit ihrer Geschichte von Ab- und Ausgrenzung, Wahrung von Bewährtem und Öffnung für neue Impulse, in einer Stadt, in der Spaltung Stein geworden ist und immer noch empfindlich nachwirkt, würden sie sich auf einen „common ground“ einigen können, wo Psychoanalyse einer größeren Öffentlichkeit interessant und attraktiv vermittelt wird?

Am Anfang stand also zunächst ein - notwendiger - Verzicht: kein Institut sollte für sich werben oder sich mit Namen oder mit seinen Räumlichkeiten ins begehrte Licht rücken - auf der Werbekarte stehen alle Institute mit Adressen und Logos nebeneinander, auch das der IPU, die sich auf unsere Nachfrage als Gastgeberin zur Verfügung stellte und sich entschloss, eigenständig als Hochschule an der LN teilzunehmen. Neben ihren Räumlichkeiten stellte sie auch die Kompetenz ihres Facility Managers großzügig zur Verfügung. Der fing geradezu Feuer für die Sache, so darf man ihn vielleicht zitieren und hat mit seinen studentischen Helfern und seiner Hilfsbereitschaft sowie der gut etablierten Logistik ganz wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen.

Auf dem Weg, sich zusammenzufinden, gab es eine unerwartete Hürde. Die Haushaltsvolumina der einzelnen Institute mussten offengelegt werden, um eine Beitragsbemessung durch die Veranstaltungsagentur und damit die Zulassung als Teilnehmer der LN zu erwirken. Wir erfuhren, wie dicht assoziiert „Geld und Geltung“ liegen - so genau mochten wir uns gegenseitig nun doch nicht hinter die Kulissen schauen lassen. Alles sollte also diskret geschehen und zentral zusammengeführt werden und wurde dann doch durch ein Missgeschick über den Verteiler veröffentlicht. Die Überraschung: es war keineswegs ein Drama, im Gegenteil. Es erwies sich als ein Meilenstein, an dem deutlich wurde, dass sich längst eine hoch engagierte Arbeitsatmosphäre entwickelt hatte, in der die Suche nach Konsens, der Respekt für den anderen (und seine Missgeschicke) und nicht
zuletzt die humorige Gelassenheit angesichts einiger „Besonderheiten“ bestimmend waren.

Es entwickelte sich ein Bottom Up Arbeitsprinzip, aus dem sich am Ende zwiebelschalenartig übereinander liegende Arbeitsebenen herausbildeten: eine kleine, eng miteinander arbeitende Gruppe mit strukturierenden, organisatorischen Funktionen, die Vorbereitungsgruppe, in der jedes Institut vertreten war; dann der erweiterte Kreis, in dem richtungweisende Diskussionsprozesse und Entscheidungsfindungen erfolgten und schließlich die locker zusammengesetzte „Google-group“ aus Organisatoren, Dozentinnen, Institutsfunktionären und Sympathisantinnen, die sich über den E-Mail-Verteiler informierten und gelegentlich mit Anerkennung, Ermutigung und Hinweisen einschalteten. Unterschiedliche persönliche Stile, Interessen, Kenntnisse, Begabungen und Verbindungen wurden zum Wohl des Gruppenprozesses zusammengeführt. Jedes Institut bestimmte eine koordinierende Person. Es bildeten sich unterschiedliche thematische Arbeitsgruppen und Funktionsbereiche, u.a. für Technik, Catering, Conciergedienst, die Kommunikation mit der Veranstaltungsagentur, Öffentlichkeitsarbeit und im Zentrum die Programmentwicklung.

In Windeseile war ein Veranstaltungsangebot mit breitem thematischem Spektrum entstanden (über 50 Programmpunkte von Instituten und IPU, darunter ein gemeinsam durchgeführter „Night-Talk“). Einige der Angebote mussten sogar aus Platz- und Zeitmangel wieder zurückgezogen werden. Wir entschieden, ein aus der schwedischen psychoanalytischen Gesellschaft heraus entwickeltes Konzept zu übernehmen (David Clinton), das wir unter dem Namen „Freud’s Bar“ kennenlernten und schließlich übernahmen. Freud`s Bar beschreibt die Initiative, in den öffentlichen Raum zu gehen, um das Interesse besonders unter jungen Menschen an psychoanalytischen Themen zu wecken. In Rom wurde dieses Konzept sehr erfolgreich eingesetzt: Psychoanalytiker bieten in einem wissenschaftlichen Buchladen mit angeschlossenem Café informelle, ca. 20-minütige Vorträge zu vorab angekündigten Themen an, um danach zum offenen Gespräch einzuladen.

Wir wählten zwei Zeitformate, eines über 50 Minuten mit gewohnten 10 Minuten Pause/Puffer, und eines mit Themenwechsel im 30 Minuten-Takt, in der Erwartung, dass viele Besucherinnen im Strom der LN nur für kurze Zeit an einem Thema oder einem Ort festhalten würden. Es wurden neben dem Foyer und den weiträumigen Fluren sechs Räume unter verschiedenen thematischen Leitideen „bespielt“: „Die Couch“ „Freud’s Bar“ „Psychoanalyse (be)wirkt“ „Psychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen – wie geht das?“ „Gruppe – Gesellschaft - Kultur“ „Träume – Märchen - Mythen“ und „Filme“. In einigen Räumen bot es sich an, das Konzept ganz konkret zu gestalten. So gab es eine Bar und ein Zimmer mit einer Couch und einen Raum, der die Besucher mit dem Setting in der Kindertherapie vertraut machen sollte.

Vorträge im herkömmlichen Stil wechselten sich ab mit Diskussionen, Demonstrationen, Filmvorführungen, Experimenten zum Mitmachen und in einer etwas abgesonderten Ecke war fortlaufend ein Radiobeitrag zu hören. Jedes Institut konnte sich auf je einer Stellwand mit seiner Arbeit und seinen Ausbildungsmöglichkeiten darstellen. Nach allem zu Herzen gehenden und kräftezehrenden Einsatz für die Vorbereitung der LN, wurden wir am Ende etwas bange, ob auch alle Angebote genügend Interesse beim LN-Publikum finden würden. Sollten wir unsere Vortragsräume mit wohlmeinenden Freundinnen und Angehörigen bevölkern, damit es nicht gar so traurig leer würde? Wir schlossen Wetten darüber ab, wie viele Personen den Weg zur IPU, die nicht auf der offiziellen Busroute der LN lag, extra auf sich nehmen würden. Das Spektrum der Voraussagen bewegte sich zwischen 100 und 2200 Besuchern. Aber über eins waren wir uns einig - Besucherzahlen hin oder her, unseren Gewinn hatten wir bereits sicher: über alle Institutsgrenzen hinweg waren wir zu einer Arbeitsgruppe zusammengewachsen, die freundlich, rivalitätsarm, konsensbereit und hoch motiviert ihre Kräfte, Begabungen und durchaus auch Kritik in ein gemeinsames Projekt einbringt. Und das würde sich in jedem Fall auswirken auf künftige, vielleicht heiklere gemeinsame Aufgaben in der Landschaft der Berliner Psychoanalytischen Institute und im Gegenüber zu den Hochschulen.

Und dann am 10. Mai – strömte das Besucherpublikum im Pulsschlag der einfahrenden U-Bahnen und bestürmte uns am Kartenverkauf. Am Ende wurden vor Ort 670 Eintrittskarten direkt verkauft und (nach offizieller Agenturangabe) 1367 Besucherinnen der LN gezählt. Bereits die ersten Veranstaltungen waren restlos überfüllt, alle Stühle, Tische, Fensterbänke, Stehplätze belegt. Es gab Vorträge mit 120 Besuchern, sodass manche enttäuscht vor der Tür bleiben mussten. Viele Studierende aller Universitäten und insbesondere psychologischer und kulturwissenschaftlicher Fachrichtungen waren, z. T. verabredet in größeren Gruppen, gekommen. Es bestand ein großer Hunger nach psychoanalytischen Themen. Dazu kamen Kolleginnen und Fachverwandte, auch einige der gesondert eingeladenen Ehrengäste, denen wir für ihr wissenschaftliches wie berufspolitisches Engagement in der Stadt danken wollten, und nicht zuletzt eine breite, bunt gemischte interessierte Laienöffentlichkeit, mitunter gezielt zu ausgewählten Themen, beispielsweise zur „Psychotherapie mit Älteren“. Unser Publikum blieb, bewegte sich munter und beschwingt von Raum zu Raum, hörte aufmerksam zu, engagierte sich in klugen Diskursen, stellte entwaffnende Fragen und war sehr zufrieden. Die gedrängte Enge trug zu einer fruchtbaren, oft hochkonzentrierten Atmosphäre bei.

Fazit:
Diese erste „Lange Nacht“ war zweifellos für alle Beteiligten - Besucher, Referentinnen, Organisatoren, Mitarbeiterinnen, selbst die Veranstaltungsagentur - ein großer Erfolg, so groß, dass wir, die Vorbereitungsgruppe, uns eine Zeitlang geradezu in einem Rausch befunden haben: es ist uns gelungen! Wir haben mit unterschiedlichen Stimmen unsere gemeinsame Sache vertreten, wir sind damit auf ein geradezu überwältigendes Interesse und eine Wissbegier gestoßen, mit der wir nicht gerechnet haben. Jetzt, bei wieder einkehrender Nüchternheit, wird man sehen, was daraus wird, ob es ein „Anfangserfolg“ war oder ob sich das Interesse auf die Veranstaltungen der Institute im Laufe des Jahres bemerkbar macht. Aber auch nüchtern betrachtet wird die Befriedigung über eine gelungene gemeinsame Arbeit und die Kontakte, die daraus entstanden sind, bleiben und sich auf das Klima zwischen den Instituten auswirken. Manche meinen sogar, dass sich in den vielen
zufriedenen Kommentaren der Besucher bereits eben dieses Klima abbildet.

Helga Becker, Barbara Strehlow im Namen der Vorbereitungsgruppe:

Paola F. Acquarone (IPB), Helga Becker (IfP, PaIB), Ruth Becker (apb), Uta Blohm (apb),
Christoph Braun (BIPP), Maria Dauber (BIPP), Christiane Grammel (JIB), Ulrike Held (IfP, EJI), Kurt Husemann (BIG), Andrea Link (IPB), Wilhelm Meyer (BIG), Cornelia Mikolaiczyk (IfP, PaIB), Antje Mudersbach (IfP, PaIB), Hans Martin Müller (aai), Margit Murr (apb), Ursula Reiser-Mumme (BPI), Andrea Schlanstein (BPI), Elisabeth von Strachwitz (IAKJP), Barbara Strehlow (BPI), Karin Teufel (IPB), Heinrich Wiesweg (BIPP) und Sabine Zivier (IfP, JIB).

Das genaue Programm und weitere Informationen über Mitwirkende und Unterstützende, die mit ihrer Expertise und als helfende Hände die LN möglich machten, können Sie auf unserer neu entstandenen Web-Site finden: www.berlinerpsychoanalytischeinstitute.de

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Die Klügste Nacht des Jahres

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